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Mailverkehr zwischen Sandy Schwermer und Tim Sandweg, künstlerische*r Leiter*in des Festivals

 

17.05.2016 10:34


Liebe Sandy,

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Mich beschäftigt gerade sehr die Frage danach, wie sich Puppentheater (ich benutze hier explizit diesen Begriff, weil ich tatsächlich meine: »Theater mit Puppen«) politisch verortet. Ich denke da an die Tradition, die wir aus dem Kaspertheater haben, wo sich ein Volkstheater satirisch und kritisch, gleichzeitig aber mit so einer groben, vereinfachenden Punk-Attitüde gegenüber politischen Gegebenheiten positioniert. Das ist ja eine Tradition, mit der ich sehr viel anfangen kann. Mir sind in den letzten Monaten immer mehr Arbeiten aufgefallen und ich habe immer mehr Kontakte zu Künstler*innen bekommen, die sich in diesem Bereich bewegen. Gerade in Ländern, die sich in gesellschaftlichen und politischen Transformationen befinden, haben diese Arbeiten oft eine besondere Dringlichkeit. Gleichzeitig scheint mir auch in Berlin wieder ein ästhetisches und inhaltliches Interesse an konkret politischen Formen zu bestehen. Hier stellt sich Rebellion noch einmal ganz anders dar, da sie bereits wieder als Attitüde, die ich mir mit einem T-Shirt erkaufen kann, vermarktet wird. Das betrifft ja auch gleichsam uns: Wir als Theater(schaffende) geben uns gerne rebellisch, verfolgen damit aber auch  eine Marketingstrategie. In diesem Spannungsfeld würde ich mich gerne mit »THEATER DER DINGE 2017« bewegen.

[…]
Viele dieser internationalen Arbeiten sind sehr kontextabhängig, da sie auf eine politische Situation Bezug nehmen, die wir hier vielleicht gar nicht vor Augen haben, und da sie teilweise ästhetisch für unsere Sehtradition ungewohnt sind. […] Ich habe am Wochenende gedacht, dass du möglicherweise an diesen Fragestellungen auch Interesse hast, wenn du gerade in den Irak fliegst. Vielleicht ist dem ja so – und da frage ich nun einfach, ob du dir eine Mitarbeit in diesem, wie soll man es nennen: Rahmenprogramm, Kontext-Programm…, vorstellen könntest.

[…]

Bin in jedem Fall gespannt auf deine Meinung!

Es grüßt herzlich
Tim

12.06.2016 12:39



Lieber Tim,

Ich bin sehr an diesen Fragestellungen interessiert und freue mich sehr, dass du mich zu dieser Zusammenarbeit einlädst.

Meine Gedanken zum Festival: Hier stiftet sich ein Ereignis im Oktober 2017, bei dem Menschen gemeinsam in einem Raum wirkungsvoll erreicht werden durch die physische Präsenz von Akteuren, Puppen, Objekten. Das Publikum stelle ich mir vor: eine multinationale, atmende, fühlende und denkende Gruppe von Interessierten unterschiedlichen Geschlechts, unterschiedlicher Religion, die gemeint werden will. Ich glaube, du triffst den Nagel auf den Kopf: »Unmittelbarkeit, sich gemeint fühlen«, darin liegt das Potenzial des Puppentheaters.

Der Kasper als frecher Botschafter gegenwärtiger Lebensbedingungen, gesellschaftlicher Verhältnisse im lauthalsen Verzicht auf ethisch-moralischen Anspruch – oder er ist im behaupteten Neuentwurf dieser Ansprüche aktiv. Ein wesentlicher Vorteil ist ihm eigen: Er ist schnell, er ist nachrichtensprechertauglich und schalkhaft meinungsbildend, stellt jedoch immer die Anforderung an ein Publikum, selbsttägig zu denken.

Festivalbezogen hätte ich Lust mit Musik, Gesprächsrunden und Austausch in künstlerischer Praxis einen Mehrwert beim Festival zu erzeugen und besonders die Perspektive auf die Kunst- und Kulturschaffenden (sofern es angemessen und sinnvoll ist), um die politische Dimension ihres Wirkens zu erweitern.

[…]

Herzliche Grüße
Sandy

12.07.2017 13:36

Liebe Sandy,

ich habe heute beim Schreiben des Programmheftes noch einmal in den Trailer von »Pinhas!« geschaut – die Produktion stand ja auch ganz am Anfang zum Thema »Rebell Boy«. Eigentlich ist da bereits alles drin, was wir im letzten Jahr über Rebellion und Puppenspiel diskutiert haben: Der anarchische, pubertäre Humor, die brachial-politische Geste, die extreme Inhaltsverkürzung, das Lachen über die Mächtigen, die Puppe als Aktivist oder Störfaktor, auch der Populismus des Kaspers. Und ganz wichtig: Die Direktheit in der Kommunikation. Wir haben ja oft darüber gesprochen, wonach wir eigentlich suchen, und ich glaube, dass es allen Produktionen im Festival um diesen sehr direkten Bezug zwischen Bühne und Publikum und um das Formulieren eines rebellischen Moments geht – auch wenn sie dabei komplett unterschiedlich vorgehen.

Herzliche Grüße
Tim


07.08.2017 16:49


Lieber Tim,

Was mich besonders reizt, ist die Auswahl der Rebellion in den Mitteln und der Darstellungsweise im Figuren- und Objekttheater, in Musik, in der Wissenschaft und in der kulturellen Praxis. Die Auswahl ist spürbar nah an der Bezugnahme zu den Persönlichkeiten der Akteur-*innen. Inwiefern sind sie schöpferische Rebell*­­innen innerhalb einer künstlerischen Positionierung? Damit meine ich nicht nur die Aufführungen, sondern auch das Agieren und Engagieren in Kontexten, zu denen zum Beispiel politische Verhältnisse auffordern. Dort entfaltet sich ein Terrain, das sich zwischen Einwirkung auf die Inszenierungen und Wirkung der Inszenierungen auf ein Publikum aufspannt.

Für ein Begegnungsprogramm interessiert mich das Verbindende in Unterschiedlichkeiten. Das Verbindende wird in der Kunst immer dann interessant, wenn die Künstlerin oder der Künstler in einer ihr oder ihm eigenen Qualität etwas erschafft, um »jemanden zu meinen«, weil sie oder er selbst etwas erfahren hat. Damit meine ich nicht die Darstellung einer Betroffenheit, sondern das künstlerische Formulieren einer Alternative, ein Formulieren, das über die bloße Benennung hinausgeht und einen Weg der künstlerischen Produktionsweise beschritten hat, der emotional  kommuniziert werden kann.

Und so hoffe ich wie du auch, lieber Tim, dass es uns gelingen möge das Festivalpublikum bei dieser Entdeckungsreise auf Künstler treffen zu lassen und auf Inhalte, die nachgespürt werden können, weil sie die Conditio Humana adressieren als politische Größe des Verbindenden.

Herzliche Grüße
Sandy

Unser Foyercafé öffnet am Abend bzw. Samstag / Sonntag eine Stunde vor Vorstellungsbeginn.